Gießener Hells-Angels-Chef beigesetzt – Viele Rocker bei Trauerfeier – Allgemeine Zeitung

12 October 2016 | 2:42 pm

Mit mehreren hundert Kuttenträgern unter den Trauergästen rechnet Martin Ahlich, der auf dem Parkplatz vor dem Neuen Friedhof als Ein-Mann-Pressezentrum tapfer TV- und Hörfunk-Teams von N24, Reuters oder dem HR Rede und Antwort steht. 800 zählt die Polizei nach der Beerdigung, um diese Zahl in der folgenden Stunde mehrfach zu korrigieren. 1200 sollen es am Ende gewesen sein, die dem Präsidenten des Hells-Angels-Charter Gießen Aygün Mucuk am Mittwoch die letzte Ehre erweisen.

Es ist ein filmreifer Auftritt, den die „Höllenengel“ aus Boppard, Siegen, Saarbrücken, Hilden, Karlsruhe, Potsdam, Düsseldorf, Offenbach, Mannheim, Gummerbach, München, Reutlingen, Stuttgart oder Hof bieten. Und das sind nur die deutschen Ableger des ebenso berühmten wie berüchtigten Rocker-Clubs. Auch Mitglieder aus der Schweiz, Dänemark, Norwegen, Griechenland, Luxemburg, Polen oder Litauen haben die Reise nach Gießen angetreten. Dutzende Motorräder mit röhrenden Auspuffen fahren im Korso durch Wieseck. Danach kommen die schweren Limousinen der Oberklasse mit dem Stern oder dem schwarzen Hengst auf dem Kühler. Sogar „Schnitzel-Walter“ ist gekommen.

Überzogenes Polizeiaufgebot?

Walter Burkard steht den Frankfurtern Hells Angels vor, bei denen auch Mucuk Mitglied war. Als der seinen eigenes Charter gegen Burkards Willen gründete, kam es zum offenen Bruch. Wer am Rande der Beisetzung Gießener Mitglieder fragt, ob denn auch Frankfurter Mitglieder des Motorradclubs heute Mucuk das letzte Geleit geben, erhält stets dieselbe Antwort: „Kein Kommentar“. Gesprächiger sind da Hells Angels aus anderen Städten. Einer hält das Polizeiaufgebot für völlig überzogen. Man sei hier schließlich auf einer Beerdigung. Ob sie denn eine Konfrontation auf dem Friedhof für möglich halten? „Im Leben nicht!“, empört sich ein anderes Mitglied: „Wir sind heute hier, um einen guten Mann zu Grabe zu tragen. Punkt.“

Eine Frau, die als eine der ersten den Friedhof betritt, sieht den Polizeieinsatz etwas anders: „Es ist traurig, dass so etwas heute leider nötig ist“. Es ist Aygün Mucuks Schwester, die eigentlich vor dem Amtsgericht wegen erpresserischen Menschenraubes angeklagt ist, doch der Prozess ist wegen des Trauerfalls vertagt. Vor dem Portal formieren sich die Hells Angels zu einem langen Konvoi, derweil Mucuks Familie, Angehörige und Nachbarn bereits auf dem Weg zum muslimischen Gräberfeld sind, allen voran Mucuks völlig gebrochene Mutter im Rollstuhl. Viele Biker tragen schwarze Armbinden auf denen in Goldbuchstaben „RIP Aygün“ steht – „Ruhe in Frieden“.

Zahlreiche Schaulustige verfolgen den Aufmarsch

Die Bürgersteige auf beiden Seiten der Friedhofsallee sind mittlerweile von zahlreichen Schaulustigen gesäumt. „Das ist so was von toll, das musst du selbst sehen“, ruft eine junge Mutter aufgeregt in ihr Smartphone. Mit ihrem Kinderwagen steht sie hinter dem Spalier der schweren am Straßenrand geparkten Maschinen aus dem ganzen Bundesgebiet, viele Nummernschilder enden mit der 81. Das steht für den achten und ersten Buchstaben im Alphabet, H und A, Hells Angels. Auf einer Maschine droht ein kleiner Sticker „Protected by loaded guns“, allerdings nicht heute. Polizeipressesprecher Martin Ahlich verkündet nach der Trauerfeier, dass die Kontrollen der Polizei im Vorfeld der Beerdigung ohne Zwischenfälle verlaufen seien. Waffen und andere gefährliche Gegenstände seine keine sichergestellt worden.

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