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KTM 1290 Super Duke GT
Fahrbericht
aus
MOTORRAD
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6
/2016
Super Duke. Das steht für Mordsgaudi auf der Landstraße. Für knackige Fahrdynamik und spritzige
Power. Wenn KTM einen Sporttourer mit diesem Namen adelt, sind die Erwartungen hoch. Kann
der Spaßbolzen auch Tour? Auf den verwinkelten Sträßchen Mallorcas gab die GT eine erste
Kostprobe.
KTM drückt mächtig aufs Gas. Mit beeindruckender Konsequenz bauen die Österreicher ihre
Modellpalette aus. Während im Hintergrund bereits der neue 800er
Mi
ttelklasse
Twin der
Serienreife entgegenstrebt, schließen die Mattighofener eine weitere Lücke in ihrem
Modellprogramm. Die 1290 Super Duke GT wird im Revier der Sporttourer wildern. Ach was,
wildern. Sie soll dort der Hecht im Karpfenteich sein. Die Vorau
ssetzungen dafür sind
ausgezeichnet. Mit der 1290 Super Duke und ihrem hinreißenden V2 als Basis sollte die GT vor
keinem Konkurrenten weiche Knie bekommen.
Denn KTM hat keine halben Sachen gemacht. Wer meint, die GT sei lediglich eine Super Duke mit
ange
hefteter Verkleidung, irrt. Sie ist in vielen Details sorgfältig auf ihren neuen Einsatzzweck
abgestimmt. Das beginnt beim Motor. Von den Eckdaten
173 PS und 144 Nm Drehmoment
identisch mit dem Super Duke
Aggregat, bekam die GT
Version quasi als Nebene
ffekt der Euro 4
Homologation im unteren Drehzahlbereich das Drehmoment gestärkt. Möglich machen das neue
Zylinderköpfe, die mit geänderten Brennräumen und Quetschkanten sowie um zwei Millimeter
engeren Ansaugkanälen mit jenen der 1290 Super Adventure iden
tisch sind. Und natürlich die
neue Edelstahl
Auspuffanlage, die nun erstmals bei einer KTM eine Steuerklappe besitzt. Saftige
114 Nm bereits bei 3250/min verspricht KTM. So soll der V2 den Spagat zwischen genüsslichem
Cruisen und sportivem Angasen noch bes
ser hinbekommen.
Oder das Chassis. Ein längerer Alu
Heckrahmen sorgt für mehr Platz für den Sozius, bietet
gleichzeitig eine integrierte Kofferhalterung und ist stabil genug für zusätzliches Gepäck. Logisch,
dass die Federelemente nicht unangetastet bleiben konnten. Die GT
will in Sachen Funktionalität
Maßstäbe setzen, besitzt an Assistenzsystemen alles, was gut und teuer ist.
Semiaktives Fahrwerk serienmäßig inklusive. Die WP
Federelemente bieten mit Comfort, Street
und Sport drei Dämpferabstimmungen. Wegsensoren an den R
ädern und
Beschleunigungssensoren vorne und hinten liefern die Daten über die Rad
und Chassis
Bewegungen. Die Elektronik passt im Rahmen des gewählten Modus in Echtzeit die Dämpfung an.
Schräglagenabhängige Dämpfung und automatische Anpassung der Federvor
spannung an die
Beladung, wie zunächst gemunkelt, hat sie indes nicht.
Und dann ist da natürlich noch die auffällige Verkleidung. Mit ihrer weit heruntergezogenen Nase
erinnert sie eher an die Adventure
Modelle und dürfte für Gesprächsstoff sorgen. Die gr
oße, mit
einer Hand verstellbare Scheibe jedenfalls verspricht ordentlichen Schutz vor den Elementen.
Apropos Elemente: Ein stürmischer Wind treibt finstere Wolken über den Himmel, aber noch halten
seine Schleusen dicht. Also nix wie rein in den Sattel. Ei
n angenehm straffes Polster empfängt den
Piloten, der konifizierte, verstellbare Alu
Lenker ist nun 25 mm breiter und rund 5 mm höher, die
Rasten sitzen an gewohnter Stelle. Fühlt sich immer noch nach Super Duke an. Und doch anders,
entspannter, aber nach
wie vor aktiv. Angenehm. Auch wenn der GT
Tank die Beine nun
geringfügig stärker spreizt, kaschiert er geschickt, dass sein Volumen um fünf auf 23 Liter wuchs.
Damit sollten 350
Kilometer
Etappen drin sein.
Mit sattem, aber nach wie vor gut gedämpftem Boll
ern nimmt der V2 die Arbeit auf. Dann nichts wie
ab ins Hinterland von Mallorca. Die Straßen sind noch kühl und feucht von nächtlichen
Regengüssen, ihr Grip teils recht überschaubar. Doch zum einen sind die Pirelli Angel GT auch
unter solchen Bedingungen e
ine Bank. Zum anderen bewahren im Bedarfsfall sowohl die
Traktionskontrolle als auch das Kombi
ABS mit schräglagenabhängiger Regelung souverän vor
Übermut. Und dann ist da ja noch der gewaltige V2, der seine Power in drei Fahrmodi (Rain,
Street, Sport) zur
Verfügung stellt.
Schön weich reagiert er im Street
Modus auf Gasbefehle, schiebt auch aus engen Ecken
berechenbar und nachdrücklich vorwärts, spannt ab 3000/min kräftig die Muskeln und marschiert
gleichmäßig aus dem Drehzahlkeller hinauf. Doch noch mahn
en die Verhältnisse zur Mäßigung.
Und noch fehlt dem vorsichtigen Tasten durch die Kurven eine gewisse Geschmeidigkeit. In der
Street
Abstimmung sorgt die Elektronik beim Anbremsen und am Kurveneingang durch mehr
Dämpfung dafür, dass die Front nicht zu wei
t abtaucht. Eine Art Anti
Dive
Funktion. Die gut
funktioniert, sich zunächst etwas ungewohnt anfühlt. Möglicherweise ist diese Abstimmung etwas
straff für das momentane Bummeltempo, das wenig Druck auf das Vorderrad erlaubt.
Geschmeidiger geht es im Soft
M
odus. „Sport“ besitzt die Anti
Dive
Wirkung nicht. Die Front taucht
wie gewohnt ein. Schließlich sorgt das beim Anbremsen für einen steileren Lenkwinkel. Gut für
williges Einlenken und beim Kurvenräubern durchaus erwünscht.
So, endlich werden die Straßen t
rocken, der Belag griffig. Motormapping auf „Sport“, Attacke.
Herzhaft und direkt packt der V2 zu, feuert munter die Drehzahlleiter hinauf. Wirkt etwas
gleichmäßiger als der Super Duke
Motor, dadurch vielleicht nicht ganz so spektakulär, aber nicht
minder
kräftig. Dieser V2 ist einfach ein Kracher. Lupft gut gelaunt das Vorderrad und hämmert
zünftig voran. Dazu reiht der Schaltautomat
erstmals serienmäßig in einer KTM
geschmeidig
Gang an Gang. Er ermöglicht nur kupplungsfreies Hochschalten, sein Sensor
sitzt im Getriebe.
Laut wird der V2 trotz Auspuffklappe nie, bratzelt im Schiebebetrieb lüstern aus dem Endtopf.
Die GT wirft sich ausgesprochen willig in die Kurven. Biegt die Super Duke
vor allem mit vollem
Tank
vielleicht etwas flinker ab, liegt di
e GT ein wenig neutraler. Die Federelemente sprechen
sauber an. Auf dem glatt gezogenen, herrlich geschwungenen Asphaltband sorgt das Fahrwerk im
Street
Modus für satte Stabilität beim beherzten Angasen. Aber selbst die Comfort
Abstimmung
erlaubt noch knac
kiges Kurvenräubern. Wenngleich mit spürbar Bewegung im Chassis. Auf der
anderen Seite knechtet der Sportmodus nicht mit gnadenloser Härte und lässt genügend Komfort
übrig. Sport
Fans werden sich bei den Bremsen vielleicht etwas direkteres und spontaneres
Zupacken wünschen, aber ebenso wie gemütlichere Naturen die gute Dosierbarkeit schätzen.
Selbst beim härtesten Ankern auf schlüpfrigem Asphalt hält die GT das Heck sauber in der Spur.
Dafür sorgt die Anti
Hopping
Kupplung, der man noch optional eine „Moto
r Slip Regulation“ (177
Euro) zur Seite stellen kann. Dabei lupft die Elektronik beim Anbremsen gezielt die Drosselklappen
etwas an, um jegliches Eigenleben der Hinterhand im Ansatz zu unterbinden. Wem das an
Ausstattung nicht genügt, kann dazu einen Berga
nfahr
Assistenten (142 Euro) ordern.
Doch immer wieder verhindern kurze Schauer, dem Potenzial des semiaktiven Fahrwerks genauer
auf den Zahn zu fühlen, das muss also bis zum ersten Test warten. Der guten Laune im Sattel der
GT tut das keinen Abbruch. Ihr
Windschild nimmt in der tieferen der beiden Stellungen den
Winddruck sauber vom Oberkörper. Die höhere entlastet auch den Helm, zwar mit höherem
Geräuschniveau, aber ohne nennenswerte Verwirbelungen. Zumindest bis hin zu gehobenem
Landstraßentempo.
Auf d
er Heimfahrt öffnet der Himmel dann am Ende des Tages doch noch richtig seine Schleusen.
Die ausladenden Tankflanken spenden dabei sogar den Oberschenkeln noch etwas Schutz. Trotz
der kniffligen Bedingungen, bei der Rückkehr zwickt und zwackt nichts, man s
teigt aus dem Sattel
und könnte mit frisch gefülltem Tank gleich noch mal losziehen.
Die erste Kontaktaufnahme war also vielversprechend. Die Super Duke GT ist in der Tat eine
prickelnde Kombination aus Dynamik und Komfort. Stillt sportlichen Tatendrang e
benso wie die
Lust auf ausgedehnte Tagesetappen. Und ist üppig ausgestattet dazu. Neben dem semiaktiven
Fahrwerk und den geschliffenen elektronischen Fahrhilfen sind auch so nützliche Dinge wie
Tempomat, LED
Kurvenlicht, Reifendruckkontrolle, Steckdose, in
tegrierte Kofferhalter und
wirksame Heizgriffe mit an Bord. Allerdings darf man bei 17.995 Euro Einstandspreis auch einiges
erwarten. Die je einen Integralhelm fassenden 30
Liter
Koffer (779 Euro) sind da noch nicht
enthalten. Unterm Strich? Hat die Super
Duke GT ihr Spaßpotenzial behalten und ernsthafte
Langstreckenqualitäten gewonnen. Es scheint, die Riege der Sporttourer hat einen neuen Anwärter
auf die Regentschaft bekommen.

Quelle: KTM_1290_Super_Duke_GT_265286.pdf

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