Nichts für schwache Nerven und nur für die Besten und uns.

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Nach dem recht umfangreichen Test samt vielen Infos zur S 1000 RR 2015 bekamen wir viel positives Feedback. Aber auch Kritik kam per E-Mail zu uns. Warum testen wir die neue S1000RR bloß auf der Rennstrecke? Wir beantworteten die Frage an uns selbst mit einer Gegenfrage: Wer fährt Supersportler heutzutage noch auf der Landstraße? Gibt es doch mit Bikes wie der Super Duke 1290 R, BMW S 1000 R oder Aprilia V4R Tuono megapotente Nakedbikes mit deutlich mehr Komfort.
Diese Frage erübrigt sich erst dann, wenn man den Sicherungsstift aus dem Motorrad zieht und die Explosion über sich ergehen lässt. Dieses perfekte Technikpaket samt schier unendlicher Leistung ist am Ende des Tages doch die Königsklasse draussen auf den Straßen.

Bei der Fahrt durch die Stadt im Sattel der S 1000 RR ist es zwar nicht wirklich gemütlich, aber man ist außerhalb jeglicher Lebensgefahr. Im Rain Modus schlängelt man einfach und sicher bei 3.000 Touren durch den Kreisverkehr. Die Motorabstimmung ist sauber, die Kraft ist unter Kontrolle und man fühlt sich immer noch als Herr und Meister im Sattel.
Etwas komplexer wird dann aber die Situation sobald man den Sport-Modus aktiviert, die Ballen auf die Rasten legt, den Oberkörper nach vorne beugt und versucht den Speed zu steigern. Keine Frage, der hohe Speed wird hier nicht so leicht aus den Ärmeln geschüttelt. Die ersten Meter in den engen Radien sind noch etwas wackelig, die ersten Zupfer am Gasgriff sorgen für Angstreifen in den Unterhosen. Alles geht viel zu schnell, die Fuhre wirkt etwas deplaziert. Auf Nakebikes ist man deutlich einfacher schnell unterwegs und vermutlich auch sicherer.

Doch im Laufe der Zeit wird aus Angst etwas Respekt, mit dem Respekt kommt das Gefühl und dann kommt der Genuss. Der schiere Genuss an dieser Perfektion. Die S 1000 RR fährt wie ein feines Skalpell durch die Radien. Mit vollster Konzentration werden die Ecken anvisiert, die Gedanken müssen zu 100% auf die nächste Kurve fokusiert sein, dann und nur dann wird alles plötzlich zeitlich erfassbar und das Präzisisioninstrument kann zielsicher zuschlagen. Das Handling ist phänomenal. Was uns schon auf der Rennstrecke begeistert habt, ist hier schlicht atemberaubend. Diese 200 PS Rakete wirkt beinahe kippelig, egal ob in den Spitzkehren oder in den Wechselkurven, sie fährt mit atemberaubender Leichtigkeit. Dieses Handling macht etwas Angst im Sattel, denn auf den nächsten schnelleren Passagen könnten Bodenwellen lauern. Eine Kombination welche aus der Ausfahrt schnell einen Kamikazeunternehmen machen kann. Doch die Ingenieure von BMW haben hier großartige Arbeit geleistet. Die Kombination aus DDC und Lenkungsdämpfer machen die Granate auf den schnellen Passagen plötzlich stabiler. Diese geballte Wucht an Hightech erlaubt Kurvengeschwindigkeiten die eigentlich nicht mehr ganz normal sind. Man fühlt sich ein wenig als Psychopath, wenn man mit 200 die Kurve inhaliert und in den Helm kichert. Das irrste dabei – am Ende der Kurve ist es dann so, als hätte der Motor gerade erst seine Aufwärmübung hinter sich.

Diese immer im Überfluss vorhandene Leistung sind schon ein besonderer Reiz. Es gibt einfach keine Situation wo das Motorrad das Limit darstellt. Zumindest nicht auf diesem Planeten. Die Grenzen muss man aber als Fahrer ausgesprochen diszipliniert ziehen. Zum Beispiel bei der Bedienung der elektronischen Gadgets. Die Vielfalt der Funktionen und Messgrößen im Bordcomputer sind einfach überwältigend. Schräglagen, Beschleunigung, Verzögerung aber auch die Basics wie Temperatur und Reichweite können abgerufen werden. Ganz nebenbei kann man dann während der Fahrt am Setup arbeiten. Mein Tipp: Unbedingt Finger weg. Im Sattel dieser sterilen Kampfmaschine fühlen sich 170 km/h an wie gemütliches Gondeln durch die 70er Zone. Wer hier nicht zu 100% auf die Geschehnisse fokussiert, wird es auf die Titelblätter der Tageszeitungen schaffen. Erfahrene Piloten passen sich ihre S 1000 RR also vor der Abfahrt beim Cafestop an. Motor, Fahrwerk, Display, Griffheizung werden erstmal perfekt justiert. Dann erst schließen wir das Visier, atmen tief durch und genießen das höllische Inferno im Sattel dieser Traummaschine.

Konzentration, Fokussierung, Selbstdisziplin – Wenn man mit der S 1000 RR eine schnelle Ausfahrt absolviert, sollte man unbedingt das bekannte Zitat von Meister Yoda im Kopf behalten: „Tue es oder tue es nicht. Es gibt kein Versuchen.“

Hat sie auch Schwächen? Nun ja – sie ist und bleibt ein Supersportler. Steigt man direkt nach dem S 1000 RR Ritt um auf die S 1000 R oder auch auf die F 800 R, denkt man: „das hättest Du auch einfacher haben können!“. Steigt man dann aber wieder zurück auf die „RR“ bleibt bloß ein „scheiss drauf – es ist halt einfach geil“ übrig und man versteht warum die Supersportler nun mal teurer sind als der Rest der Palette.

Das Minus an Komfort wird vor allem in der Stadt oder bei langsamen Passagen mühsam. Auf den schnellen Strecken ist es wirklich eine Freude im Sattel der RR. Die Features wie DDC, DTC und ABS sind natürlich auch auf der Landstraße eine Sensation. Der Schaltassistent Pro stoßt im langsamen Stadtverkehr an seine Grenzen. Doch das ist Raunzen auf hohem Niveau. Bei der Fahrt durch die Berge bleibst Du einfach mit beiden Händlern zu 100% am Lenker und drückst die Gänge rein wie die Patronen im Schaft der Pumpgun. Peng – Peng – Peng und ab geht die Post. Auch in der Bremszone wird die Kupplung nicht benötigt. Wer danach auf einen „herkömmlichen“ Supersportler ohne dieses Feature umsteigt fühlt sich zurückversetzt in eine andere Zeit. Doch in der Stadt ist dann doch manchmal der Griff auf die Kupplung nötig, bei niedrigen Geschwindigkeiten im 1. oder 2. Gang. Ansonsten sind die Features auch im Alltag immer nur Segen und niemals Fluch. Die Rennstrecken-Rakete ist also auch auf der Landstraße eine Wucht. Wer Sportler liebt und seine Sinne im Griff hat, dem kann ich die RR mit gutem Gewissen empfehlen. Im Moment das perfekteste Motorrad welches man für Geld kriegen kann.

PS: Fotos und Videoaufnahmen entstanden hier.


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