Rise of the Hipsters – Intermot 2014

(Werbelink) Amazon Motorrad Shop

Ein Tag auf der Intermot muss nicht zwingend sein wie der kreuzbeladene Gang nach Golgota an einem geschäftigen Sonntagmorgen.

Das ist die Erkenntnis, gezogen aus dem Besuch vom vorletzten Wochenende. Es kommt einfach nur auf die richtige Motivation für den Besuch an: Geht man hin, um sich tatsächlich das Material für nächstes Jahr anzuschauen, brummt einem nach kürzester Zeit messematt der Kopf. Geht man aber hin, um Leute zu treffen, sich skurrile Geschichten aus dem Messealltag anzuhören, Pizza zu essen und Espresso zu trinken, und nimmt lediglich zwischen den einzelnen Stationen fotografisch mit, was einem der Zufall ins Netz treibt, kann die ganze Sache ziemlich entspannt sein.

Die zweite Erkenntnis: Die Hipster sind auf dem Vormarsch! Wo man hinschaut und -hört, Jethelme, Waxcotton Jacken, Bärte und Indie-Folk. — Okay, das war vielleicht ein klein wenig übertrieben. Die Intermot ist noch kein Distinguished Gentleman’s Ride, aber mit zwei Jahren Abstand zum letzten Besuch fällt schon auf, dass sich das Bild gewandelt hat. Die Hersteller haben gemerkt, dass es da eine Gruppe junger (nicht ganz so alter) potentieller Kunden gibt, um die sich niemand zu kümmern scheint. Und da junge Kunden bekanntlich seit Jahren Mangelware sind, wird diese Gruppe nun ganz besonders hofiert, mit dem lässigen Image ungezwungener Deus-Ex-Machina-Surfer-Dude-Coolness vom Band.

Die Stationen:

Honda

CBR300R

Die Baby-Blade sieht nicht nur von außen erwachsener aus als die alte 250er, sie fühlt sich auch so an. Zumindest wenn mich meine drei Jahre alten Eindrücke nicht nicht täuschen.

Was sich aber ganz sicher sagen lässt: bis auf das Styling gefiel sie mir damals schon sehr gut. Und jetzt, in hübsch und mit obendrein noch etwas mehr Schmalz, steht sie wieder auf dem Probefahr-Wunschzettel.

der_beifang_12

VFR800X Crossrunner

Der neue Crossrunner ohne Jetski-Design war auch da. Die Ergonomie ist gut, die Beinhaltung weniger sportlich als bei der letzten Iteration. Der Lenker dürfte mir für eine perfekte Haltung gerne drei bis fünf Zentimeter entgegen kommen, aber das ließe sich ja leicht ändern.

Das nur ganz kurz. Zu gegebener Zeit mehr zum Crossrunner.

Yamaha

Im Rahmen des Jubiläums „50 Jahre Motorradmesse in Köln“ hat man bei Yamaha mal ein paar schöne alte Sachen aus dem Keller geholt:

Was ich mir tatsächlich gerne noch einmal live angeschaut hätte, mir aber im Strom der Messebesucher durchs Netz gegangen ist, war die neue 1300er XJR.

Es wagen zur Zeit ja einige Großserienhersteller Ausflüge in die Custom- und Hipster-Bike-Szene, aber bei kaum einem anderen sind die Stilelemente aus den Ergebnissen dieses Techtelmechtels derart ungefiltert in ein fertiges Produkt eingeflossen, wie bei Yamaha – ganz besonders bei der XJR 1300 / Racer.

Suzuki

GSX-S 1000 F

Die interessanteste Suzuki – Sie tauchte überraschend im Schatten der ohne-F auf und ist seit langer Zeit endlich mal wieder eine Suzuki mit einem eigenständigen, dabei aber nicht hässlichen Gesicht.

der_beifang_17Müsste ich auf Biegen und Brechen etwas kritisieren, wäre es wohl am ehesten das Rot der Lackierung. Wenn es nicht an der Beleuchtung lag, hat es in natura einen ganz leichten Drall in Richtung purpur und ist nicht intensiv apfelrot, wie es auf anderen Fotos den Anschein hatte. Aber ich muss ja nicht. Außerdem wäre das Nörgeln auf äußerst hohem Niveau. Sieht schon gut aus!

Aber nicht nur das, auch die Ergonomie taugt. Steht auf meinem Probefahr-Wunschzettel ziemlich weit oben.

Burgman Fuel Cell

Die/Der zweitinteressanteste Suzuki – Diesen Burgman gibt es wohl schon eine ganze Weile – Präsentation war, laut einem Artikel vom Gizmag aus 2012, auf Tokyo Motor Show 2009.

Angetrieben wird der Kalkstein von einem Elektromotor, der seine Energie teils direkt von einer über ihm liegenden Brennstoffzelle bekommt, teils von einem Akkupack (Lithium-Ionen), den ebenfalls die Brennstoffzelle befüllt. Das Volumen des im Fußraum liegenden Wasserstofftanks ist mit 30 Litern angegeben, von der Reichweite sagte das Infotablet leider nichts. Wir waren uns einig: Wenn nichts dabei steht, wird man nicht all zu weit kommen. Der oben erwähnte Artikel allerdings spricht von 350 Kilometern Reichweite mit einer Tankfüllung.

SV650

Hinfort mit dir, Gladius! Das Original ist wieder da. Sehr gut.

der_beifang_18

Inazuma F

der_beifang_19

Starker Tobak.

Das Paradebeispiel dafür, was mich am Suzuki-Design der letzten paar Jahre stört: dieses lieblose und offensichtlich mit verbundenen Augen stattfindende Plastikmassaker. Wie konnte es nur zu solch einer gestalterischen Tragödie kommen? Umso unverständlicher, da Suzuki nur ein paar Meter weiter mit der GSX-S 1000 F zeigt, dass es auch anders – nämlich gut – geht.

Aber auch wenn die Formgebung der Inazuma F anmutet, als hätte sie ein Althippie beim Schamanenritual aus Ton geformt, muss doch erwähnt werden, dass sie in live deutlich leichter zu verdauen ist als es Fotos vermuten lassen!

Die Ergonomie passt jedenfalls gut. Fährt sich bestimmt anständig.

Kawasaki

Ach, wo wir gerade beim Thema sind: Wurden eigentlich schonmal die Getränke und das Kantinenessen in Chūō-ku auf unerlaubte Substanzen untersucht? Das ist schon auffällig wild, was Kawasaki die letzte Zeit so rauslässt. – Aber gut!

Ducati

Scrambler

der_beifang_20

Die Classic, mit braunem Sitz und Speichenrädern.

Oh, wie sehnte man sich nach ihr! Und nicht nur die Ducatisti. Jetzt ist sie da. Und sie sieht gut aus.

Huch?

Doch das ist erstmal nicht weiter überraschend. Design können sie bekanntlich, die Italiener. Auch, dass die Bolognesi das Gelb ihres ersten Scramblers aus den 60ern wieder aufgreifen würden, war naheliegend. Eine Rote? Eh klar. Die Auswahl von vier Versionen (Icon, Urban Enduro, Classic, Full Throttle) war zwar im Vorfeld nicht abzusehen, aber letztendlich nur das Ergebnis dessen, was mich tatsächlich dann doch überrascht hat, nämlich wie konsequent Ducati die neue Maschine auf den Markt wirft: eine eigenständige Marke mit eigenständigem Image.

Dementsprechend sieht auch das Promovideo aus: Kitesurfing, Lagerfeuer und Rennen am Strand, Schotterstraßen, Schubserein beim Wasserlassen in freier Wildbahn und – Achtung! – Longboards.

Das ist doch schon ein paar Schritte weg vom gewohnten Kohlefasermachismo.

Seite generiert in 1,010 Sekunden